Fünfter (News)Letter Juli 2016: Preview des beziehungsweisen-Films

Unser nahezu-fast-bald-schon abgeschlossenes Projekt, der Film über die Bedeutung der Bezogenen Individuation im Alter, am Beispiel von Helm und Satu Stierlin, ging am 03.07.16 in eine neue Phase: bei einer Preview stellten sich Film und Filmemacher zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Das Ganze fand in Heidelberg statt, genauer in der Kamera, einem wunderschönen, kleinen alten Programmkino mit roten Plüschsesseln und viel Charme.

 Kino "Die Kamera"  beziehungsweisen-Karten

Nach dem Motto “Beziehungsstiften leicht gemacht” gab es bereits lange vor Veranstaltungsbeginn, in einem gegenüberliegenden Cafe erste Verbindungen zwischen Filmteam und Besuchern. Und zwar in Form eines älteren Herren der, wie sich herausstellte, ein langjähriger Wegbegleiter von Satu ist und im Verlauf des Tages noch ein große Rolle spielen sollte.

Kurz vor Filmbeginn füllte sich der kleine überdachte Eingangsbereich der “Kamera” mit Freunden und Gästen, die sich bei Sekt und Gebäck munter miteinander vermischten. Im Kino selbst wurden wir dann mit den Klängen eines Organettos, gespielt von Astrid Oswald, begrüßt. Sicher kennen manche von uns dieses Instrument von mittelalterlichen Gemälden, auf denen es meist von Engeln gespielt wird. Nach diesen Abbildungen wird es auch heute nachgebaut. Das Organetto  ähnelt, der Name sagt es bereits, einer Orgel, wobei hier jedoch die besondere Herausforderung an den Musiker darin liegt, dass der den Wind mit einem Balg per Hand selbst erzeugen muss, was das Spielen erheblich erschwert.

Die Filmemacher  Astrid Oswald am Organetto

Die 45 Minuten Filmmaterial, die für die Preview zusammengestellt wurden, hatte das Team wie Perlen auf eine Schnur, bzw. einen roten Faden gefädelt. Dafür eine aussagekräftige Auswahl zu treffen, die ein gutes  Bild des gesamten Filmprojektes (90 Minuten) vermittelt, ist nicht einfach. Man muss die Länge und Intensität der einzelnen Schnipsel beachten, die Schnitte richtig setzen und Zusammenhänge darstellen. Das erforderte vom Filmteam nicht nur ein tiefes Verständnis für den Inhalt des Films und die Botschaft, die wir in die Welt der Zuschauer bringen möchten, sondern vor allem ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in die Welt der Protagonisten. Und als Teil dieser Zuschauer können wir nur sagen: das ist ihnen ausgezeichnet gelungen!

Der eingangs erwähnte ältere Herr, Fletcher Dubois, Professor und Liedermacher, beschenkte Satu, Helm und das Publikum anschließend mit einem “Spontanlied”. Zwei Szenen im Film hatten ihn dazu inspiriert: In der einen ging es um die Suche nach einem Kamm, die zum Finden derer zwei führte und in der anderen um eine Gedächtnisübung, in der ein Vogel eine Rolle spielt. Der Auftritt  von Fletcher war großartig und auch wenn der “nackte” Text dem Ganzen nicht gerecht wird, möchten wir ihn euch nicht vorenthalten. Bei allen, die dabei waren, werden sich sicherlich Bild und Ton sehr schnell einstellen und alle anderen können sich eine Soulmusik mit rhythmischem Fingerschnipsen dazu vorstellen:

Two lifelines, woven together
going through all kinds of weather
blooming trees, soft breeze, a thunderstorm
keeping each other warm
One of you looks and then the other one does too for a comb
And each finds one so you have two right there at home
Somehow the bird can still be there
Although it has flown

Als dann sämtliche Beifallsstürme abgeklungen waren, hatten wir noch Zeit für eine Fragestunde. Eine Frage, die offensichtlich mehrere Zuschauer beschäftige war, welche Gedanken hinter dem Film stehen beziehungsweise, mit welchen stilistischen Mitteln die Kernbotschaft der Bezogenen Individuation umgesetzt wurden. Ein wichtiges Element, so dass Filmteam, war, dass sie sich für eine feststehende Kamera entschieden hatten. So gibt es Szenen im Film, wo die Protagonisten auf die Kamera zugehen und dadurch dann zum Beispiel ein Teil des Kopfes abgeschnitten wird. Oder Aufnahmen, in denen sie zwar zu hören, aber nicht zu sehen sind, weil sie gerade mal um eine Ecke gebogen waren. Das kann im ersten Moment befremdlich wirken, verfolgt aber das Ziel, den Gedanken der Bezogenen Individuation konsequent umzusetzen. So war es besonders eben Helm und Satu Stierlin während der Dreharbeiten, die ja in einem sehr privaten Umfeld stattgefunden haben, jederzeit möglich, zwischen Beziehung (zur Kamera) und Individuation (von der Kamera) selbst zu entscheiden. Denn genau darum geht es ja im Film: wie werden neue Balancen gefunden, wie richtet man sich allein und zu zweit in neuen Lebensabschnitten ein, wie kann ein körperlicher oder geistiger Mangel durch eventuelle neu hinzukommende Fähigkeiten ausgeglichen werden? Oder, vereinfacht gesagt, wie beeinflusst Wandel menschliche Beziehungen?

Marc und Fletcher Dubois newsletter05_006

Neben allen Glückwünschen gab es auch den Kritikpunkt, die Geschichte sei zu harmonisch erzählt, der Film würde die weniger schönen Momente in einem alternden Leben vernachlässigen und sei dadurch zu wenig realistisch. Hier zeigt sich zum Einen natürlich genau die Schwierigkeit, die im Aussuchen der einzelnen Filmausschnitte für die Preview bestand. Wie schafft man es, das ganze Werk aussagekräftig zu machen und es doch so unfertig zu lassen, dass genügend Neugier für das Gesamtprojekt geweckt wird? Und zum anderen wird der Film selbstverständlich auch in seiner Gesamtlänge nur kleine Puzzleteilchen eines Lebens abbilden können. Wir alle wissen um die Unterschiedlichkeit  der individuellen Lebenserfahrungen und Lebensverläufe. Kein Film und sei er noch so lang, könnte dem zur Gänze gerecht werden.

Zwei Begebenheiten möchten wir aber noch herausheben:

Erstens, das Lob, das Lachen und die Anerkennung der Inhaberin der “Kamera”, Fr. Mauerer und ihres Mitarbeiters, die beide sehr begeistert von der Vorführung waren und als Kinomenschen wohl mit Fug und Recht als Kenner und kompetente Kritiker gelten können.

Und zweitens die Bemerkung einer Zuschauerin, die wir zitieren dürfen:

“Beim Zuschauen kommt man in die Aufmerksamkeit für das Kleine. Das ist das Lebensgeheimnis schlechthin.” (Karoline Saal)

nach der Vorstellung